Konversion zum Islam in Deutschland und den USA

Monika Wohlrab-Sahr: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA
Frankfurt/M 1999: CAMPUS

Inhalt

  • Einleitung
  • Kapitel 1: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA
  • Kapitel 2: Radikaler Wandel und religiöse Codierung. Zu einer Soziologie der Konversion
  • Kapitel 3: Der empirische und methodische Zugang zum Phänomen – eine funktionale Perspektive auf religiösen Wandel
  • Kapitel 4: Zur Form der Problemlösung: Konversion als symbolische Transformation krisenhafter Erfahrung
  • Kapitel 5: Typus I: Implementation von Geschlechtsehre
  • Kapitel 6: Typus II: Methodisierung der Lebensführung
  • Kapitel 7: Typus III: Symbolische Emigration und symbolischer Kampf
  • Kapitel 8: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA – Zur Logik einer unwahrscheinlichen Option
  • Literatur

Zusammenfassung

Der Islam ist im Westen nicht mehr allein als Religion von Migranten präsent: Auch einheimische Konvertiten erregen zunehmend das öffentliche Interesse.

Die vorliegende Studie befasst sich in einer vergleichenden Perspektive mit dem Phänomen der Konversion zum Islam in Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie rekonstruiert zunächst die unterschiedliche Geschichte der Konversion zum Islam in beiden Ländern. Während in den USA die Geschichte des schwarzen Nationalismus und die prekäre Lage der afroamerikanischen Minderheit einen kollektiven Hintergrund für Konversionen zum Islam darstellt, handelt es sich in Deutschland um stärker individualisierte Prozesse, die oft im Zusammenhang mit Partnerschaften mit muslimischen Migranten stehen.

Auf der Grundlage von 41 biographischen Interviews mit männlichen und weiblichen Konvertiten zeigt die Studie, dass die Hinwendung zum Islam bezogen ist auf individuelle und kollektive Probleme von Zugehörigkeit und Abgrenzung, von Anerkennung und Diskreditierung. Gerade mit Hilfe des Islam als „fremder“ Religion, dem die Rolle eines Kontrastprinzips zukommt, können krisenhafte biographische Erfahrungen im eigenen gesellschaftlichen Kontext artikuliert und symbolisch transformiert werden.

Es werden drei verschiedene Erfahrungstypen rekonstruiert, denen drei verschiedene Typen der Konversion entsprechen:

(a) Beim ersten Typus, der als „Implementation von Geschlechtsehre“ bezeichnet wird, stehen sowohl Erfahrungen persönlicher Entwertung im Bereich der Sexualität und des Geschlechterverhältnisses, als auch Erfahrungen der Verunsicherung im Zuge der Auflösung bestehender Geschlechterordnungen im Hintergrund. Über die Konversion zum Islam, der hier als Religion der Moral aufgefasst wird, sowie mit Hilfe der mit dem Islam verbundenen Symbolik (z.B. Schleier) werden diese Erfahrungen symbolisiert und es wird eine neue Ordnung im Bereich der Sexualität/des Geschlechterverhältnisses etabliert.

(b) Beim zweiten Typus, der als „Methodisierung der Lebensführung“ bezeichnet wird, stehen Erfahrungen des Scheiterns bzw. der Gefährdung hochbesetzter Aufstiegsversuche im Hintergrund. Über die Konversion zum Islam, der hier als Religion der Disziplin aufgefasst wird, kommt es hier zur Stabilisierung bzw. zur Verlagerung des Aufstiegswunsches in Richtung einer Alternativkarriere.

(c) Beim dritten Typus, der als „symbolische Emigration/symbolischer Kampf“ bezeichnet wird, stehen Erfahrungen prekärer Zugehörigkeit im nationalen/ethnischen Kontext im Hintergrund. Über den Islam, der hier primär als Ideologie aufgefasst wird, werden diese Probleme artikuliert und es wird gleichzeitig eine neue Form globaler Zugehörigkeit (mit neuen Formen der Abgrenzung) ins Spiel gebracht.

Die Arbeit verbindet eine funktionale Perspektive auf Konversion (Konversion als Problemlösung) mit der Betrachtung der spezifischen Form religiöser Konversion: Konversion wird konzeptualisiert als symbolische Transformation krisenhafter Erfahrung. Es wird gezeigt, wie bestimmte Formen religiösen Ausdrucks mit spezifischen Erfahrungen vermittelt sind und wie sie diese Erfahrungen artikulieren und transformieren helfen.

English Summary

The presence of Islam in the West today is no more confined to its role as the religion of Muslim migrants. Indigenous converts have started to attract public attention.

In a comparative view this study deals with the phenomenon of conversion to Islam in Germany and the United States of America. In a first step the different history of conversion to Islam in both countries is analyzed. Whereas in the USA the history of Black nationalism and the difficult situation of the African American minority constitute a collective background for conversions to Islam, in Germany those conversions are more individualized processes, which are often related to partnerships with Muslim migrants.

Based on 41 biographical interviews with male and female converts it is shown, that turning to Islam is related to individual and collective problems of belonging and distinction, recognition and disrepute. It is exactly by means of Islam as a „foreign“ religion – functioning as a contrast principle – that problematic biographical experiences in one’s own social context can be articulated and symbolically transformed.

Three different types of experience are reconstructed in the study correspondig with three different types of conversion.

(a) A first type is called „Implementation of Honor“. It refers to experiences of personal devaluation in the realm of sexuality and gender relations, as well as to the experiences of uncertainty in the course of changing gender arrangements. Through conversion of Islam, which in this case is perceived as a religion of morality, as well as through Islamic symbols (e.g. veiling) theses experiences are symbolized and a new order in the realm of sexuality and gender relations is established.

(b) A second type is called „Methodization of Life Conduct“. This type refers to experiences of failure or destabilization of highly valued careers. Through conversion of Islam, which in this case is perceived as a religion of discipline, the former ambitions become stabilized or transferred into alternative careers.

(c) A third type is called „Symbolic Emigration/Symbolic Battle“. This type refers to experiences of precarious belonging in an ethnic/political context. Through conversion of Islam, which in this case is perceived as a global ideology, these problems are articulated and new forms of global belonging (as well as new forms of demarcation) come into play.

This study combines a functional perspective on conversion with the analysis of the specific form of religious conversion. Conversion is conceptualized as the symbolic transformation of crisis experience. It is shown how specific forms of religious expression are related to certain kinds of life experience and how they function to articulate and transform this experience.

Letzte Änderung: 7. Februar 2014