Fruzsina Müller

Doktorandin

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Promotionsprojekt

Konsum in der sozialistischen und postsozialistischen Gesellschaft: Das Beispiel Ungarn (Arbeitstitel)

Abstract
Gegenstand des Dissertationsvorhabens ist eine vergleichende Untersuchung der identitätsbildenden Funktion von Konsumprodukten im sozialistischen und postsozialistischen Ungarn. Nach der Revolution von 1956 bildete sich unter Kádár eine stillschweigende Abmachung zwischen Bevölkerung und Macht heraus, die als „negativer Konsens“ in die Literatur Eingang fand und Folgendes implizierte: Die Partei hielt sich aus der Privatsphäre heraus und schuf ökonomische Sicherheit, während sich die Bürger am öffentlichen Leben beteiligten und sich vor Kritik an der Regierung hüteten. In Ungarn der 60er und 70er Jahre entstand demzufolge ein relativer Wohlstand. Natürlich gab es auch hier Mangel und Sehnsucht nach Westprodukten, aber die Konsumenten versuchten diese durch einen Vergleich mit den sozialistischen „Bruderländern“ zu vermindern. Spezifische ungarische Produkte (z. B. „Trapper“ Jeans, „Flöte“ Kaugummi) bauten sich in das nationale Bewusstsein des Volkes ein und ließen das eigene Land in einem günstigeren Licht erscheinen. Nach 1989 wurde der westliche Markt Vergleichsmaßstab. Viele ungarische Produkte verschwanden, doch einige Jahre nach dem Systemwechsel setzte eine gegenläufige Tendenz ein. So protestierte man gegen die Schließung der Keksfabrik in Györ und rief zum Boykott gegen die französische Firma „Danone“ auf, die angeblich die Produktion von den Keksen einstellen wollte. Die Turnschuhmarke „Tisza“ wurde nach mehr als zehnjähriger Pause wiederbelebt und erfreut sich seitdem noch nie zuvor erfahrener großer Beliebtheit unter Jugendlichen. Während ungarische Produkte im Kádárismus den relativen Wohlstand symbolisierten, scheinen sie seit Anfang der 90er Jahre eine distinktive Funktion in der Selbstbehauptung gegenüber den Einheitsprodukten der westlichen Mammutfirmen zu haben. In meiner Arbeit möchte ich die Bedeutungszuweisungen von einzelnen ungarischen Produkten vor und nach der Wende untersuchen. Warum genießen einige Marken aus sozialistischen Zeiten große Beliebtheit (z.B. „Tisza“) und warum werden andere kaum wahrgenommen (z.B. „Trapper“ Jeans)? Vor allem interessiert mich, wie Hersteller, Werbefachleute und Medien die Bedeutung eines Produkts kommunizier(t)en, bzw. wie diese von den Konsumenten interpretiert wurden/werden. Vermutlich wird unter den Motiven des Konsumierens von ungarischen Produkten das nationale Bewusstsein und der Mythos des „kleinen“, „verstümmelten“ Ungarns eine erhebliche Rolle spielen, doch bei der Beliebtheit von ehemaligen sozialistischen Produkten wird auch Nostalgie als Kaufmotiv nicht auszuschließen sein.

Betreuer der Arbeit
Prof. Dr. Hannes Siegrist (Universität Leipzig)

Letzte Änderung: 1. Juni 2017