DFG-Projekt Generationenwandel als religiöser und weltanschaulicher Wandel

Projektvorstellung

Leitung: Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr

Das Forschungsprojekt setzte sich mit dem religiösen Wandel in der ehemaligen DDR nach 1945 auseinander. Ausgangspunkt war der massive Rückgang an Kirchenmitgliedschaften und konfessionellen Zugehörigkeiten während der 40-jährigen Regierungszeit der SED.

Um ihr diesseitiges und dem Anspruch nach wissenschaftlich fundiertes Weltbild in der Gesellschaft zu festigen, unternahm die DDR-Regierung einiges, um den Einfluss der Kirchen zurück zu drängen. Dies geschah mittels Repressions- und Zwangsmassnahmen, aber auch durch die Bereitstellung von konkurrierenden Identifikations- und Kultangeboten.

Bemerkenswert und erklärungsbedürftig in diesem Zusammenhang ist, warum die realsozialistische Religionspolitik nicht allein die Abkehr von den Kirchen als Organisationen, sondern auch in hohem Masse eine Selbstbeschreibung als religionslos bzw. atheistisch zur Folge hatte. Es steht zu vermuten, dass die Religionspolitik nur deshalb erfolgreich sein konnte, weil sie sich mit kulturellen und strukturellen Veränderungsprozessen in der Gesellschaft der DDR verschränkte, im Zuge derer die staatlich diskreditierten religiösen Weltsichten auch subjektiv an Plausibilität verloren.

Diese säkularen Orientierungsmuster wurden auch nach 1989 beibehalten. Somit hat man es im Falle Ostdeutschlands mit einer Region zu tun, in der Konfessionslosigkeit der Normalfall ist. Untersuchungen haben ergeben, dass sich die Selbsteinschätzung als „religiös“ dauerhaft auf einem weltweit einmaligen Tiefstand befindet. Allerdings lässt sich für die jüngeren Jahrgänge zeigen, dass das Interesse an religiösen Themen zunimmt und sie sich in gewisser Weise für religiöse Perspektiven öffnen.

Angesichts dieses Zustandes stellt sich hier die Frage, ob und unter welchen Umständen der Staat religiöses Handeln und Bewusstsein erfolgreich beeinflussen kann und wie sich die Lage ändert, wenn dieser staatliche Einfluss schwindet.

Das Forschungsprojekt hat sich diesen vielschichtigen Zusammenhängen unter einer generationstheoretischen Perspektive genähert. Verschiedene Jahrgänge haben in unterschiedlicher Weise an der Transformation des religiösen und kulturellen Feldes partizipiert. Für die Aufbaugeneration stellte sich die Frage der Kirchenzugehörigkeit in ganz anderer Weise als für ihre Kinder oder für die Enkelgeneration, die sich während der politischen und wirtschaftlichen Transformation 1989 noch im Jugendalter befand.

Auf Befunden aus der Surveyforschung aufbauend, die erste Anhaltspunkte für die sich in der Generationenfolge vollziehenden Veränderungen gaben, ging es im Forschungsprojekt darum, genauer auszuloten, ob und in welcher Weise sich hier tatsächlich ein Generationenwandel vollzogen hat, welchen Stellenwert religiöse Vorstellungen, die Offenheit und Indifferenz gegenüber solchen oder deren Negation im Rahmen der Weltwahrnehmung insgesamt haben und was die Konfliktlinien sind, anhand derer sich Neuerungen gegenüber überkommenen Strukturen der Weltwahrnehmung vollziehen.

In einer qualitativen Studie wurde mit verschiedenen Instrumenten untersucht, wie sich der Prozess der Abwendung von Kirchlichkeit und Religiosität oder aber der partiellen erneuten Öffnung gegenüber Religiosität in den verschiedenen Generationen vollzogen hat.

Dabei wurden zum einen familienbiografische Interviews durchgeführt, da die Familie – neben anderen sozialen Feldern – als idealtypischer Schauplatz von Generationendifferenzen, aber auch von generationsübergreifenden Zusammenhängen und intergenerationellen Dynamiken anzusehen ist. Zum anderen wurden in einem zweiten Schritt aus den Familien einzelne Gesprächspartner, deren Lebensgeschichten besondere Dynamiken im Hinblick auf den Generationenwandel aufweisen, für biographisch-narrative Interviews gesucht. Ergänzt wurde die Studie schließlich durch Gruppendiskussionen mit Vertretern der jüngsten Generation.

Letzte Änderung: 13. Dezember 2013