Andrea Radvanszky

Doktorandin

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Promotionsprojekt

Tiefschlaf des Bewusstseins – Die Alzheimer Demenz als soziologische Diagnose

Abstract
Aufgrund der international errechneten steigenden Prävalenzraten und ihrer gesellschaftlich und ökonomisch herausfordernden Konsequenzen, rücken dementielle Erkrankungen – insbesondere die Alzheimer Demenz – rasch in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Neben der medizinisch-pflegerischen Versorgung ist das Krankheitsmanagement im Falle der Alzheimer Demenz insbesondere ein soziales Problem, weshalb die Krankheit unter der psychosozialen Perspektive immer mehr ins Blickfeld der sozialwissenschaftlichen Betrachtung rückt. Dass der Umgang mit Demenzkranken, die nach wie vor mehrheitlich in der Familie betreut werden, als sehr belastend gilt, ist gemeinhin bekannt. Das situative Handlungssystem von Erkrankten und pflegenden Angehörigen bei Alzheimer Demenz ist unter Zuhilfenahme soziologischer Theoriekonzepte jedoch kaum ausgeleuchtet. Das Ziel der Promotionsarbeit ist es, die sozialen Dimensionen des Phänomens kognitiver Veränderungsprozesse in Anlehnung an die Ansätze der interpretativen Soziologie zu untersuchen, ohne jedoch die allgemein gültige organpathologische Definition der Krankheit unhinterfragt zu übernehmen. Es wird postuliert, dass im Lichte der komplexen Handlungslogik und mehrschichtigen Dynamik in jeder Pflegebeziehung der defiziente Status des Erkrankten bzw. die unterstellte Asymmetrie der Beziehung zwischen «dem Gesunden» und «dem Kranken» aufzugeben und das Alzheimer Syndrom als ein Ausserkraftsetzen des Reziprozitätsprinzips zu verstehen ist. Hieraus eröffnen sich sozialwissenschaftliche Grundsatzfragen, einerseits nach dem Begriff des Subjekts und der Persönlichkeit in der sozialen Interaktion und andererseits nach der Art, wie Wirklichkeit konstruiert wird.

Datengrundlage des Dissertationsvorhabens bilden 25 leitfadengestützte, teilnarrative Interviews mit pflegenden Angehörigen von Demenzkranken in der Deutschschweiz. An die Interviews, die im Rahmen des SNF/DOREForschungsprojekts «work & care» (Projektnummer 13DPD3-118236, Abschluss Dezember 2009) durchgeführt wurden, wird eine neue Forschungsfrage gerichtet, bei der die Analyse des interaktionsstrukturellen Aspekts in der pflegerischen Beziehungsdyade bei Demenz im Zentrum steht. Die Analyse erfolgt mittels einer Kombination der Methode der Objektiven Hermeneutik mit der Grounded Theory.
Die Interviewdaten werden um eine Ethnographie im familiären und institutionellen Pflegekontext erweitert, die die besondere «demenzspezifische» Interaktionsstruktur in ihrer Situationsspezifik erschliesst. Was geschieht, wenn die erwartbare, auf Reziprozität der Typisierungen beruhende routinisierte Interaktionsgestalt durchkreuzt wird? Weil dem Beziehungsgeschehen beim Belastungserleben und den Veränderungspotentialen (Prozesse der Normalisierung oder Dramatisierung) bei chronischen Krankheitsverläufen theoretisch wie praktisch eine entscheidende Bedeutung zukommt, soll im Rahmen der ethnographischen Untersuchung im familiären Pflegekontext durch die wiederholte Befragung einzelner Angehöriger die Aufmerksamkeit auf das Prozessuale der Verläufe gerichtet werden. Hierfür wird auf das Sample der SNF/DORE-Vertiefungsstudie «work & care» (Projektnummer: 13DPD6_127252, Beginn April 2010) zurückgegriffen. Die nach der Methode der Grounded Theory analysierten Beobachtungsdaten werden in die Gesamtanalyse miteinbezogen, um zu einer verdichteten Rekonstruktion der Forschungsfrage zu gelangen.

Betreuerin der Arbeit
Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr (Universität Leipzig)

 

Letzte Änderung: 3. März 2014