Dr. Christiane Reinecke

wissenschaftliche Mitarbeiterin

E-Mail: christiane[dot]reinecke[at]uni-leipzig[dot]de
Telefon: +49 (341) 97-35692

Raum: 5-101
Sprechzeiten: nach Vereinbarung


Zur Person

ab April 2015
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften im Bereich der Vergleichenden Kultur- und Gesellschaftsgeschichte

August 2014 – April 2015
in Elternzeit

2012 – 2015
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

2012 – 2013
Einjähriger Forschungsaufenthalt als Marie Curie Fellow am Centre d’histoire sociale du XXe siècle (Université Paris I – Sorbonne)

2008 – 2012
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“, Humboldt-Universität Berlin, in einem von Prof. Dr. Thomas Mergel geleiteten Projekt zur Beobachtung sozialen Wandels in den beiden deutschen Gesellschaften

2010
Forschungsaufenthalt als Visiting Scholar am Minda de Gunzburg Center for European Studies, Harvard-University, USA

2008
Promotion an der Humboldt-Universität Berlin. Thema der Dissertation: „Grenzen der Freizügigkeit. Die Politik der Migrationskontrolle in Großbritannien und Deutschland, 1880–1930“ (summa cum laude). Erstgutachter: Prof. Dr. Hartmut Kaelble, Zweitgutachter: Prof. Dr. Andreas Fahrmeir, Frankfurt/M., Drittgutachter: Prof. Dr. Thomas Mergel

2004 – 2008
Promotionsstipendiatin am Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, jeweils unterbrochen für Stipendienaufenthalte am Deutschen Historischen Institut London und am Institut für Europäische Geschichte, Mainz

2003
Magister in Neuerer/Neuester Geschichte an der Humboldt-Universität

2001
Master in Modern History am University College London

1997 – 2003
Studium der Neueren/Neuesten Geschichte und Literaturwissenschaft an der Humboldt Universität Berlin und dem University College London

 

Forschungsschwerpunkte

Europäische Gesellschafts- und Wissensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt in der britischen, französischen und deutsch-deutschen Geschichte

  • Migrationsgeschichte, Geschichte von transnationaler Migration und Mobilität im Zeichen von Globalisierung und Dekolonisation
  • Geschichte moderner Staatlichkeit und Territorialität
  • Wissensgeschichte, Geschichte der Produktion und Zirkulation von Wissen über das Soziale, über Differenz und Ungleichheit
  • Stadtgeschichte, Geschichte der Modernisierung der Städte, der urbanen Lebensstile und des Wohnens
  • Theorien und Methoden der transnationalen Forschung (Verflechtung, Vergleich Transfer), der Akteur-Netzwerk Theorie, postkolonialen Theorie und Raumforschung

Auszeichnungen

  • 2013 Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis für die Dissertationsschrift
  • 2008 Preis des Deutschen Historischen Instituts London für die Dissertation zur deutsch-britischen Migrationsgeschichte

Aktuelles Forschungsprojekt

Die Entdeckung der Marginalität.

Urbane Problemzonen und die Ordnung des Sozialen im (post)kolonialen Frankreich und der Bundesrepublik

(Die Habilitationsschrift wurde Anfang Mai 2018 eingereicht)

Aktuell binden sich gerade an städtische Räume umfassende Ängste und Hoffnungen: umfassende Ängste vor einer Fragmentierung und Polarisierung der Gesellschaft und umfassende Hoffnungen auf ein produktives Zusammenleben in der Diversität. Neu sind die aktuellen Evokationen einer Krise der Städte, die als Krise der Gesellschaft verstanden wird, allerdings nicht. Schließlich warnten zeitgenössische Beobachter im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft und einem Auseinanderbrechen der „Integrationsmaschine Stadt“. Sie hatten dabei wechselnde Vorstellungen davon, wer oder was die Gesellschaft auseinander trieb. Klassen- oder Rassenunterschieden wurde zeitweise ebenso Sprengkraft zugesprochen wie religiösen Differenzen, kulturellen Divergenzen oder ökonomischen Asymmetrien.

Mit diesen wechselnden Krisenszenarien und den damit verknüpften Vorstellungen von Gesellschaft und ihren inneren Differenzierungen befasst sich die Studie. Ausgehend von der Wissensproduktion zu urbanen Problemzonen in der Bundesrepublik und im (post)kolonialen Frankreich wendet sie sich Prozessen der Problematisierung zu. Sie diskutiert, wie und warum bestimmte sozialräumliche Konstellationen im Westeuropa des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts zu einem „Problem“ wurden, das Diskussionen hervorrief und in neuen Politiken und Praktiken mündete. Im Zentrum steht die Frage, wie die zeitgenössischen Akteure „das Soziale“ in urbanen Kontexten entlang von (vor allem) Klasse, Rasse und Ethnie an- und umordneten und wie diese wechselnden Grenzziehungen mit neuen Formen der Arbeit an Gesellschaft verknüpft waren. Die „Metamorphosen der sozialen Frage“ (Castel) situiert die Studie in einer sich wandelnden urbanen Landschaft, und sie befasst sich damit ausgehend von den Wissensbeständen und Praktiken, auf die die zeitgenössischen Akteure zu deren Einordnung zurückgriffen. Sie eröffnet damit neue Perspektiven auf etablierte sozial- und wissenshistorische Narrative und entwirft eine Erzählung sozialer Ungleichheit, die davon handelt, wie sich permanent ändert, was überhaupt unter „Ungleichheit“ verstanden wird und wer darüber die Deutungshoheit besitzt. „Gesellschaft“ konturiert diese Erzählung nicht als feste Entität, sondern sie vollzieht nach, wie sie als abgrenzbare Größe hervorgebracht und wie Unterschiede darin stabil und relevant gemacht wurden.

Urbane Problemzonen, das sind Räume, die in der französischen und westdeutschen Gesellschaft zwischen den 1950er und 2000er Jahren als Gegenräume gekennzeichnet wurden, in denen Verhältnisse herrschten, die von der gedachten Norm abwichen. Über den Alltag in einzelnen Städten hinaus, waren solche Problemzonen im 20. Jahrhundert immer wieder privilegierte Arenen der Produktion von Wissen über das Soziale. Sie waren aber auch Experimentierfelder, in denen humanitäre Organisationen und lokale Initiativen, Soziologen und staatliche Akteure neue Formen der Disziplinierung, Kritik oder Aktivierung erprobten. Dass urbane Badlands stets hergestellt sind, ist eine Leitthese der Arbeit: Sie werden zu abweichenden Orten gemacht, weil sich in der Designation schlechter Quartiere niederschlägt, wer und was zu einer bestimmten Zeit als normal oder problematisch gilt und wem es jeweils möglich ist, autoritativ über das Normale und Richtige zu sprechen. Deswegen folgt die Analyse unterschiedlichen Wegen und Praktiken der Herstellung des Abseitigen sowie den damit verknüpften Formen des Differenzierens und Hierarchisierens; in der Hoffnung, dass sie in den Kern vermachteter Selbstverständigungs- und Selbstjustierungsprozesse führen. Sie geht von notorisch gewordenen Barackenlagern, innerstädtischen Sanierungsgebieten und randstädtischen Großsiedlungen aus, die Soziologinnen und Soziologen als Untersuchungsfelder für ihre Studien zu Ungleichheit, Segregation und Desintegration dienten. Deren Wissensproduktion nimmt die Analyse zum Ausgangspunkt, um dem engen Wechselverhältnis von Wissenschaft und Aktivismus, Kommunalpolitik und Massenmedien nachzuspüren, das die Auseinandersetzung mit sozialen Konfliktlinien in den westeuropäischen Stadtgesellschaften seit den 1950er Jahren bestimmte.

 

Publikationen

 

Monographie
Grenzen der Freizügigkeit. Migrationskontrolle in Großbritannien und Deutschland, 1880-1930, München: R. Oldenbourg Verlag 2010.

Herausgegebene Schriften

  • (gemeinsam mit Simone Derix, Benno Gammerl, Nina Verheyen) (Hg.), Der Wert der Dinge. Themenheft, Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History (2016) 3, http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2016
  • (gemeinsam mit The Population Knowledge Network), Twentieth Century Population Thinking. A Critical Reader of Primary Sources, London: Routledge 2015.
  • (gemeinsam mit Thomas Mergel) (Hg.), Das Soziale ordnen. Sozialwissenschaften und gesellschaftliche Ungleichheit im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M.: Campus 2012.
  • (gemeinsam mit Agnes Arndt, Joachim C. Häberlen) (Hg.), Vergleichen, verflechten, verwirren? Europäische Geschichtsschreibung zwischen Theorie und Praxis, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011.
  • (gemeinsam mit Malte Zierenberg) (Hg.), Vermessungen der Mediengesellschaft im 20. Jahrhundert. Themenheft, Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung 21 (2011) 4.

Aufsätze in Zeitschriften

  • Die dunkle Seite des modernen Komforts. Zu einer Neubewertung der ‘glorreichen Nachkriegszeit’ im (post)kolonialen Frankreich, in: Geschichte und Gesellschaft 42 (2016), S. 298-325.
  • Localising the Social: The Rediscovery of Urban Poverty in Western European ‘Affluent Societies’, in: Contemporary European History 24 (2015), S. 555-576.
  • (gemeinsam mit Maria Dörnemann und Petra Overath), Travelling Knowledge. Population Statistics as “Circulating Entities”, in: Contemporanea 18(2015), S. 469-472.
  • Disziplinierte Wohnungsnot. Urbane Raumordnung und neue soziale Randständigkeit in Frankreich und Westdeutschland, in: Archiv für Sozialgeschichte 54 (2014), S. 267-286.
  • Am Rande der Gesellschaft? Das Märkische Viertel – eine West-Berliner Großsiedlung und ihre Darstellung als urbane Problemzone, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 11 (2014) 2, S. 212-234.
  • Laboratorien des Abstiegs? Eigendynamiken der Kritik und der schlechte Ruf zweier Großsiedlungen in Westdeutschland und Frankreich, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2013) 1, 25-34.
  • Auf dem Weg zu einer neuen sozialen Frage? Ghettoisierung und Segregation als Teil einer veränderten Krisensemantik der 1970er Jahre, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2012) 2, 110-131.
  • Statistiken der Liebe, oder: Dr. Kinsey fragt die Frauen. Umfrageforschung und ihre mediale Vermarktung in transnationaler Perspektive, in: Comparativ 21 (2011) 4, 29-44.
  • Fragen an die sozialistische Lebensweise: Empirische Sozialforschung und soziales Wissen in der SED-Fürsorgediktatur, in: Archiv für Sozialgeschichte 50 (2010), 311-334.
  • Riskante Wanderungen. Illegale Migration im britischen und deutschen Migrationsregime der 1920er Jahre, in: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009) 1, 64-97.
  • Governing Aliens in Times of Upheaval. Immigration Control and Modern State Practice in Early Twentieth-Century Britain, Compared with Prussia, in: International Review of Social History 54 (2009) 1, 39-65.
  • Im Namen der nationalen Sicherheit. Sicherheitsbedenken und Migrationspolitik in Großbritannien während des frühen 20. Jahrhunderts, in: Traverse – Zeitschrift für Geschichte 16 (2009) 1, 57-73.

Aufsätze in Handbüchern und Sammelbänden

  • Staatliche Macht im Aufbau: Infrastrukturen der Kontrolle und die Ordnung der Migrationsverhältnisse im Kaiserreich, in: Jochen Oltmer (Hg,), Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert, Paderborn 2015, S. 341-384.
  • Population in Space: Migration, Geopolitics, and Urbanization, in: The Population Network, Twentieth Century Population Thinking. A Critical Reader of Primary Sources, London 2015, S. 90-114.
  • Wohlstand verpflichtet oder die Internationale der Moralisten. Urbane Armut und translokaler Aktivismus in den 1960er Jahren, in: Sonja Levsen/Cornelius Torp (Hg.), Wo liegt die Bundesrepublik? Vergleichende Perspektiven auf die westdeutsche Geschichte, Göttingen 2016, S. 232-254.
  • (gemeinsam mit Thomas Mergel), Das Soziale vorstellen, darstellen, herstellen: Sozialwissenschaften und gesellschaftliche Ungleichheit im 20. Jahrhundert, in: dies. (Hg.), Das Soziale ordnen. Sozialwissenschaften und gesellschaftliche Ungleichheit im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2012, 7-30.
  • Wo das Soziale wohnt: Urbane Geographien und die Verortung sozialer Ungleichheit in den westdeutschen Sozialwissenschaften, in: Reinecke, Mergel (Hg.), Das Soziale ordnen. Sozialwissenschaften und gesellschaftliche Ungleichheit im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2012, 219-250.
  • (gemeinsam mit Agnes Arndt, Joachim C. Häberlen), Europäische Geschichtsschreibung zwischen Theorie und Praxis, in: dies. (Hg.), Vergleichen, verflechten, verwirren? Europäische Geschichtsschreibung zwischen Theorie und Praxis, Göttingen 2011, 11-30.
  • Migranten, Staaten und andere Staaten. Zur Analyse transnationaler und nationaler Handlungslogiken in der Migrationsgeschichte, in: Arndt, Häberlen, Reinecke (Hg.), Vergleichen, verflechten, verwirren? Europäische Geschichtsschreibung zwischen Theorie und Praxis, Göttingen 2011, 243-267.
  • Policing Foreign Men and Women: Gendered Patterns of Expulsion and Migration Control in Germany, 1880-1914, in: Marlou Schrover et. al. (Hg.), Illegal Migration and Gender in a Global and Historical Perspective, Amsterdam: Amsterdam University Press 2008, 57-81.
  • Krisenkalkulationen. Demographische Krisenszenarien und statistische Expertise in der Weimarer Republik, in: Moritz Föllmer, Rüdiger Graf (Hg.), Die „Krise“ der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters, Frankfurt/M.: Campus 2005, 209-240.

Online-Publikationen

 

 

 

Letzte Änderung: 17. Mai 2018