M.A. Stefan Offermann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

E-Mail: stefan[dot]offermann[at]uni-leipzig[dot]de
Telefon: 0341 97 35689

Raum: 5-110
Sprechzeiten:


Zur Person

2004 bis 2013 Magisterstudium der Mittleren und Neueren Geschichte, der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie der Philosophie an der Universität zu Köln
April 2014 bis März 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig im Bereich Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des modernen Europa
Seit Oktober 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Drittmittelprojekt „Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung in der Moderne: USA und Deutschland“ unter der Leitung von Prof. Dr. Maren Möhring (finanziert durch VW-Stiftung)

Forschungsinteressen

Geschlechter- und Körpergeschichte, Subjektanalyse, Biopolitik und Gouvernementalität, Kulturgeschichte der Medizin, Mediengeschichte, Geschichte und Film

Promotionsprojekt

Der ‚Risikofaktor‘ Ernährung – Die Geschichte des Risikofaktorenmodells für Herzkreislauferkrankungen in der DDR und BRD, 1960er bis 1980er Jahre

Das Teilprojekt untersucht in transfer- und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive die Karriere des US-amerikanischen Risikofaktorenmodells in DDR und BRD von den 1960er bis 80er Jahren. Seit den späten 1940er Jahren im Verlauf großangelegter Bevölkerungsstudien entwickelt, identifizierte das Modell anhand statistischer Verfahren eine bis dahin ungekannte Bandbreite an sog. „Risikofaktoren“ für Herzkreislauferkrankungen. Fetthaltiges Essen respektive ein hoher Cholesterinspiegel, aber auch Bewegungsmangel und Rauchen galten der neuen Disziplin der Chronic Disease Epidemiology als besonders signifikante „Risikofaktoren“. Die Konstitution dieses neuen Wissens entwickelte sich einerseits vor dem Hintergrund des epidemiologischen Übergangs weg von Infektionskrankheiten hin zu Herzkreislauferkrankungen und Krebs als häufigste Todesursache in modernen Industriestaaten, und andererseits im Kontext des nachhaltigen Wandels von einer Ernährungssituation des Mangels zu einer des Überflusses. Mit seinen neuen Formen der Vermessung und Quantifizierung des Körpers sowie der konsequenten gesundheitspolitischen Ausrichtung auf individuelle Verhaltensprävention stellt das Risikofaktorenmodell eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Verwissenschaftlichung und Medikalisierung von Ernährungspraktiken dar. In einem langen und konfliktreichen Prozess konnte sich die Risikofaktorenmedizin in den späten 60er und frühen 70er Jahre in DDR wie BRD durchsetzen. Ein wichtiger Faktor dabei war die transnationale Angleichung ernährungs- und gesundheitspolitischer Leitbilder über Block- und Gesellschaftssystemgrenzen hinweg, wofür die Politik der WHO, der beide deutsche Staaten 1973 beitraten, Ausdruck und Motor war.
Im Fokus des Projekts steht die Frage, wie sich in Ost und West im Kontext der neuen Risikofaktorenmedizin das Verhältnis von Gesundheit und Ernährung wandelte und dabei neue Selbstverhältnisse und Subjektivierungspraktiken entstanden. Methodisch schließt das Projekt an die Gouvernementalitätsstudien an. In dieser Optik wird deutlich, wie sehr die zu untersuchenden Gesellschaften über die Anreizung und Nutzung menschlichen Potentials funktionierten. Die Risikofaktorenmedizin scheint sich einzufügen in gesellschaftliche Konstellationen, die darauf ausgerichtet waren, die Bedingungen des Lebens so zu gestalten, dass sich Einzelne (freiwillig) selbst optimierten, als (zu einem gewissen Grad) selbstverantwortlich handelnde Subjekte konstituierten und auf diese Weise zum Gedeihen eines biopolitisch imaginierten Körperkollektivs beitrugen. Das heißt, das Ideal eines in vielfältiger Weise befähigten Subjekts stand im Zentrum der vom Risikofaktorenmodell ausgehenden Normalisierungs- und Regulierungspraktiken. Um ability als regulatives Ideal eines neuen präventiven Selbst, das sein Leben an „Risikofaktoren“ ausrichtete sowie von anderen an ihnen ausgerichtet wurde, analysieren und problematisieren zu können, bezieht sich das Projekt zudem auf die dis/ability studies bzw. die critical ability studies. Im Vergleich der beiden Gesellschaftssysteme gilt es gleichsam der Frage nachzugehen, welche Effekte die zunehmende gouvernementale Anrufung eines eigenverantwortlichen präventiven Selbst auf eine illiberale Machtordnung haben kann. Nicht zuletzt unterliegt dem Projekt eine intersektionale Perspektive, um bspw. die lange vorherrschende Fokussierung der Risikofaktorenmedizin auf den bürgerlichen Mann mittleren Alters und die damit einhergehenden Inklusions- und Exklusionseffekte in den Blick zu bekommen.

Betreuerin der Arbeit

Prof. Dr. Maren Möhring (Universität Leipzig)

Publikationen

Herausgeberschaften

  • (Feminismus Seminar) Feminismus in historischer Perspektive – Eine Reaktualisierung, Bielefeld 2014.

Aufsätze

  • Dildos and Cyborgs: Feminist Body-Politics in Porn from the 1970s to Posthumanism“, in: Gender Forum, Issue 37 (2012), o. S.
  • Die biopolitische Produktion „lebensunwerter” Subjekte im Rahmen der „Aktion T4“. Eine Re-Lektüre von Ich klage an, in: Sudhoffs Archiv – Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte, 97,1 (2013), S. 57-80.
  • (zus. mit Silke Steiml) “I want the right to see a dirty picture”. Die feministische Auseinandersetzung mit Pornographie von der sexuellen Revolution bis zu den Porn Studies, in: Feminismus Seminar (Hg.): Feminismus in historischer Perspektive – Eine Reaktualisierung, Bielefeld 2014, S. 367-414.
  • On Resposibilization – or: Why Missing the Bus can be Political? in: Food, Fatness and Fitness – Critical Perspectives, 1.1.2017,  o. S.

Rezension

  • Stoff, Heiko: Gift in der Nahrung. Zur Genese der Verbraucherpolitik Mitte des 20. Jahrhunderts, Göttingen 2015, in: H-Soz-Kult 18.09.2015.
Letzte Änderung: 21. Februar 2017