Drittmittelprojekte

Thick Concepts and Reasons for Action (Projektförderung über den Schweizerischen Nationalfond (SNF), 2010-2013)

Projektleitung: Prof. Dr. Sebastain Rödl

In den letzten Jahrzehnten ist das Projekt einer externen Rechtfertigung moralischer Normen zunehmend in Misskredit geraten. Die meisten einschlägigen Autoren reagieren auf diese Entwicklung, indem sie die Moralphilosophie von ihrem traditionellen Fundierungsanspruch entlasten und stattdessen die Rekonstruktion der spezifischen internen Logik des moralischen Diskurses als ihre eigentliche Aufgabe verstehen. Doch im Kontext der gegenwärtigen Lage dieses Diskurses, die durch eine fortschreitende Pluralisierung, Fragmentierung und Hybridisierung sittlicher Kulturen und Subkulturen gekennzeichnet ist, erscheint der Appell an basale moralische Intuitionen, auf den die internalistische Wende in der Moralphilosophie hinausläuft, in hohem Maße selbstgefällig und beliebig. Der fehlende Konsens darüber, was als ein gutes Argument oder eine prima facie akzeptable Position gelten kann, der den zeitgenössischen moralischen Diskurs charakterisiert, wird so in der moralphilosophischen Literatur wie in der zur angewandten Ethik reproduziert.

Das grundlegende metaethische Ziel des Forschungsprojektes ist es, diesen Defekt des gegenwärtigen moralphilosophischen Diskurses durch eine Theorie ethischen Urteilens zu überwinden, die sowohl das diskreditierte Projekt einer externen Fundierung moralischer Normen vermeidet als auch den zur Zeit modischen Internalismus und Traditionalismus. Wir vermeiden die erste dieser problematischen Alternativen, indem wir das Bild des ethischen Diskurses übernehmen, das die Anhänger des neoaristotelischen Trends in der analytischen Moralphilosophie in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt haben. Gemäß dieses Bildes stehen im Zentrum dieses Diskurses nicht die abstrakten Wertprädikate wie z.B. „ist moralisch richtig“ und „ist moralisch verpflichtet“, auf die die klassische moderne Moralphilosophie ihre Aufmerksamkeit konzentriert hat, sondern spezifische evaluative Terme wie „ist freundlich“, „ist mutig“, oder „ist grausam“ – sogenannte dichte Begriffe –, deren Funktion darin besteht, eine Sensibilität für das, was in einer konkreten Situation relevant ist, zu artikulieren, die man nur erwerben kann, indem man in eine bestimmte sittliche Tradition hineinwächst. Die zweite dieser Alternativen, d.h. die durch dieses Bild nahegelegte Schlussfolgerung, dass ein vernünftiges Einverständnis über ethische Fragen nur im Rahmen einer bestimmten Tradition möglich ist, vermeiden wir durch die Erarbeitung eines Kriteriums für die Angemessenheit dichter Begriffe, auf dessen Basis die Verwender miteinander inkompatibler ethischer Vokabulare einen rationalen Diskurs führen können. Der Bedarf für ein solches Kriterium ist gerade im gegenwärtigen Kontext gegeben, da hier diverse dichte Begriffe, wie etwa der der Männlichkeit (oder Weiblichkeit), der Eigenverantwortlichkeit und der Divianz, den Gegenstand intensiver und wichtiger öffentlicher Debatten bilden.

Die zentrale Funktion dichter Begriffe ist es, eine bestimmte Form praktischen Schließens sowie die entsprechenden Handlungsgründe explizit zu machen. Daher basiert die ins Auge gefasste Analyse ethischer Urteile auf einer Theorie von Handlungsgründen und praktischer Rationalität. Diese Theorie trägt wesentlich zu der Kontroverse zwischen einer präferentialistischen und einer kognitivistischen Auffassung von Handlungsgründen – und damit zu einer der zentralen Kontroversen der modernen Handlungstheorie – bei, indem sie die Kritik aufgreift, die von Anhängern des neoaristotelischen Trends, z.B. von Dancy und McDowell, am Präferentialismus geübt worden ist. So überwindet sie das fundamentale Hindernis für die plausible Ausarbeitung der kognitivistischen Auffassung, das sich aus der insbesondere im gegenwärtigen kulturellen Kontext bestehenden Schwierigkeit ergibt, Debatten über grundlegende ethische Fragen als rationale Diskurse zu verstehen. Denn diese Schwierigkeit legt nah, dass solche Debatten nicht als Kontroversen über Sachfragen zu verstehen sind, sondern als praktische Konflikte zwischen konfligierenden Absichten oder Präferenzen, d. h. sie bestätigt prima facie die präferentialistische Auffassung. Umgekehrt stützt die im Forschungsprojekt zu entwickelnde Theorie des ethischen Diskurses genau dadurch die kognitivistische Position, dass sie zeigt, wie ein vernünftiges Einverständnis über solche Fragen dennoch möglich ist.

SNF-Concepts-Abstract (in Englisch)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Dr. Peter Grönert

Letzte Änderung: 1. Oktober 2019