Das Projekt untersucht die Verkopplung von TV, Web und Social Media als Social TV im Sinne eines medienintegrativen Ansatzes. Social TV bezeichnet danach keine Zusatzfunktion des Fernsehens, sondern ein strukturelles Konvergenzphänomen, das die Logik des Fernsehens mit der Logik Sozialer Medien synchronisiert und Inhalte plattformspezifisch auf soziale Netzwerke ausrichtet. Die dispositivtransformierenden Effekte beeinflussen die kulturelle Form des Fernsehens infolge der Angleichung an Soziale Medien. Das Untersuchungskorpus besteht aus Formaten aus dem ARD/ZDF-Contentnetzwerk "funk".

Dispositivanalyse öffentlich-rechtlicher Content-Netzwerke und partizipativer Multiplatt-formproduktionen für Soziale Medien

Für die alltägliche medienkulturelle Praxis junger Mediennutzerinnen und -nutzer spielen neben Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Video, die sich vorrangig für fiktionale Angebote in Konkurrenz zum Fernsehen begeben, in erster Linie Social Media-Anwendungen wie Facebook, Instagram und YouTube eine wesentliche Rolle. Soziale Medien haben in vergleichsweise kurzer Zeit nicht nur soziale und politische Kommunikations- und Handlungsformen verändert, sondern auch unterhaltungskulturelle Aspekte nachhaltig beeinflusst, insofern sie die Transformationsdynamik der Rahmenbedingungen für die Produktion, Distribution und Rezeption audiovisueller Inhalte auch aus dem produktionskulturellen Kontext des Fernsehens selbst mitbestimmen. Als ein zentrales Moment wird dabei immer wieder der Wandel hin zu einer digital-vernetzten partizipativen Medienkultur angeführt, wodurch potentiell allen Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit eingeräumt werde, sich vor dem Hintergrund niedrigschwelliger technologischer Nutzungsbarrieren mit eigenen Inhalten in sozialen Netzwerken zu beteiligen.

In Reaktion auf diesen medienkulturellen Wandel sind in den vergangenen Jahren unterschiedliche Formen der Konvergenz des Fernsehens mit digitalen und Sozialen Medien erprobt worden. Eine dieser Ausprägungen ist das sogenannte Social TV, die Kombination von Fernsehen mit der real-time experience Sozialer Medien. In der Kommunikations- und Medienwissenschaft ist Social TV bislang konzeptuell als eine an Fernsehinhalte angebundene Zusatzfunktion verstanden worden, die in der Regel aus der Nutzerinnen- und Nutzerperspektive definiert wird und analytisch in Vorab-, Parallel- oder Anschlusskommunikation differenziert werden kann. Neuere Ausprägungen jedoch kehren das Verhältnis von TV und Social Media um, in dem Inhalte jenseits des Programmfernsehens exklusiv und spezifisch für soziale Netzwerke konzipiert werden.

Das Projekt versteht Social TV deshalb als strukturelles Konvergenzphänomen, das das Dispositiv Fernsehen unter Berücksichtigung digitaler Transformationseffekte beeinflusst und unter Angleichung an das Plattformdispositiv Sozialer Medien nachhaltig verändert.

Anhand ausgewählter Formate des ARD/ZDF Contentnetzwerkes "funk" werden die dabei virulenten Konsequenzen für Inhalte aus dem Kontext gerade des öffentlich-rechtlichen Rundfunks untersucht und kritisch reflektiert.

Das Projekt untersucht die Verschränkung von Fernsehen, Internet und Sozialen Medien, indem das Phänomen Social TV als dispositivtransformierendes Konvergenzphänomen erfasst wird. Bezogen auf das Untersuchungskorpus aus Format aus dem ARD/ZDF-Contentnetzwerk "funk" werden folgende Ziele im Detail verfolgt:

  • Erstens wird die theoretisch vorbereitete Definition von einem an der Logik Sozialer Medien ausgerichteten Begriff von "Social TV 3.0" (Stollfuß 2019) als dispositivtheoretisches Basiskonzept weiterentwickelt und konzeptuell weiter geschärft. Ziel ist die systematische Bewertung der unterschiedlichen Aspekte in der Konvergenz von Fernsehen und Social Media in Hinblick auf neue Darstellungs-, Verbreitungs- und Nutzungsformen von Inhalten aus dem Kontext des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf unterschiedlichen Social Media Plattformen im Sinne eines Multiplattformprinzips.
  • Auf dem erarbeiteten Dispositivkonzept aufbauend werden zweitens in einem explorativen Verfahren ausgewählte Ausprägungsformen aus dem Content-Netzwerk "funk" plattformbezogen sowie formatspezifisch untersucht. Ziel ist die Bestimmung unterschiedlicher Formen und Faktoren in der Ausrichtung der Formate an einer "policy of participatory production practices" (Stollfuß 2018) angesichts der sich verändernden Rolle von Zuschauer*innen bzw. User im Kontext einer Ausrichtung von Social TV 3.0 an der Logik Sozialer Medien.
  • Schließlich soll mit diesem Projekt drittens ein Beitrag zur Methodendebatte im Feld der Medienwissenschaften geleistet werden. Ziel ist dabei, die sozialwissenschaftlich orientierte Dispositivanalyse in ein medienwissenschaftliches Forschungsdesign einzubinden und forschungspragmatisch anzupassen.

Den theoretischen und methodologischen Basisrahmen des Projektes bildet die in der Sozialwissenschaft elaborierte Dispositivanalyse als systematisierend-einordnende Untersuchung des Verhältnisses von diskursiven Praktiken (Sprechen und Denken auf der Grundlage spezifischen Wissens) und nichtdiskursiven Praktiken (Handeln auf der Grundlage spezifischen Wissens), den sich daraus ergebenen materiellen Sichtbarkeiten im medialen Wandel sowie der entsprechenden Subjektkonstitution der beteiligten Akteure. Dabei verfolgt das Projekt in der Detailphase ein Vier-Ebenen-Analysemodell –– (1) institutionelle Strategien, (2) professionelle Praktiken, (3) Inhalte und (4) User-Partizipation –– zur Untersuchung der Konvergenz von Fernsehen und Sozialen Medien, das in den dispositivanalytischen Rahmen eingebettet wird.

  • Auf der Ebene der "institutionellen Strategien" werden Strategie- und Strukturreformpapiere sowie Leitlinien (Social Media Guideline, Social Media Policy etc.), aber auch Statements und Selbstdarstellungen (auf offiziellen Websites und in Interviews) aus dem Umfeld der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten sowie insbesondere im Kontext des Content-Netzwerks "funk" ausgewertet, um die Wertigkeit der Verknüpfung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit Sozialen Medien auf dieser Ebene herauszuarbeiten.
  • Auf der Ebene der "professionellen Praktiken" werden die Auswirkungen der Konvergenz von TV und Social Media auf die konkreten Redaktions- und Produktionsprozesse durch Experteninterviews in Erfahrung gebracht und ausgewertet. In diesem Zusammenhang finden auch "Transferworkshops" zwischen Wissenschaft und Akteuren der Medienpraxis, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und "funk" statt.
  • Auf der Ebene "Formate und Inhalte" werden ausgewählte "funk"-Inhalte in ihrem Kommunikationsumfeld Sozialer Medien formatspezifisch und in Hinblick auf eine interaktiv-partizipative Zuschauerinnen- und Zuschaueradressierung untersucht. Unter Berücksichtigung unterschiedlicher Partizipationsformen soll mit Blick auf die Weiterentwicklung der policy of participatory production practices (Ziel 2 des Projektes) das Verhältnis von Producer-Generated und User-Generated Content analysiert werden –– auch bzgl. der Auswirkungen auf die medienästhetischen Erscheinungsweisen der Inhalte und Formate.
  • Auf der Ebene "User-Partizipation" wird vor allem die sich verändernde Rolle von Nutzerinnen und Nutzern untersucht. Als partizipative Umgebungen produzieren Soziale Medien kollaborative Communities, deren Kennzeichnung als 'Mitmachgemeinschaft' für "funk"-Formate und Inhalte eingesetzt wird, um Nutzerinnen und Nutzer nicht nur an Inhalte zu binden, sondern auch deren Rolle und Funktion im Sinne des collaborator framings neu zu besetzen.

Leitung

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

  • N.N.
  • N.N.
  • N.N.
  • 2019: Projektstart
  • 2022: Projektende

Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. 

Direkt zur DFG

  • Stollfuß, Sven: Is This Social TV 3.0? On Funk and Social Media Policy in German Public Post-Television Content Production. In: Television & New Media 20/5 (2019), S. 509–524.
  • Stollfuß, Sven: Between Television, Web and Social Media: On Social TV, About:Kate and Participatory Production in German Public Television. In: Participations: Journal of Audience & Reception Studies 15/1 (2018), S. 36–59.
  • Cuntz-Leng, Vera, Sophie G. Einwächter und Sven Stollfuß: Perspektiven auf Partizipationskultur: Eine Auswahl. In: MEDIENwissenschaft 4 (2015), S. 449–467.
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