Eisenbahnen und Luftschiffe, Tiefseetaucher und Himmelsforscher, Lieschens kleine Welt und ferne Inseln, Gletscher und Vulkane, Flöhe und Känguruhs, Nordlichter und Sandstürme, Experimente und Backanleitungen – die Sachbücher aus dem Verlag von Otto Spamer boten eine beeindruckende Themenvielfalt. Sie waren bei Kindern und Jugendlichen des 19. Jahrhunderts besonders wegen ihrer zahlreichen Abbildungen beliebt.

Porträt von Otto Spamer ©Illustrirte Zeitung vom 30.3.1872
Porträt von Otto Spamer ©Illustrirte Zeitung vom 30.3.1872

Ausgehend von den Sachbüchern, die Otto Spamer für die junge Zielgruppe verlegte, entstand bei der Buchwissenschaft eine Ausstellung sowie eine Publikation zur Verlagsgeschichte in Zusammenarbeit mit der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Über den Verlag

Otto Spamer (1820–1886) war ein einfallsreicher Geschäftsmann und überzeugter Bildungsvermittler. Der gebürtige Darmstädter gründete 1847 in Leipzig seinen Verlag, der bald expandierte und zu den größten des Deutschen Kaiserreichs zählte. Zum Unternehmen gehörten neben dem Verlag eine Xylografische Anstalt, eine Buchbinderei und eine Druckerei. Wegen seiner technischen und programmbezogenen Innovationen, aber auch wegen seines Erfolgs gehört er zu den bedeutendsten Verlegern des 19. Jahrhunderts und der Buchstadt Leipzig.

Der in den 1870er Jahre errichtete Verlagskomplex ©C. Michael: Ein deutsches Buchhändlerheim, Leipzig, 1880
Der in den 1870er Jahre errichtete Verlagskomplex ©C. Michael: Ein deutsches Buchhändlerheim, Leipzig, 1880

Als Verlag bestand Spamers Alleinstellungsmerkmal in neuartigen mit vielen Illustrationen. Zu seinem Programm gehörten vor allem Kinder-, Jugend- und Volksbildungsschriften, die er mitunter in vielgekauften Reihen präsentierte wie das „Illustrirte Goldene Kinderbuch“, die „Illustrirte Jugend- und Hausbibliothek“, „Kosmos für die Jugend“ oder „Malerische Feierstunden“. Daneben bot er Bücher für (junge) Erwachsene an, Fachbücher und sogenannte Prachtwerke wie „Spamer’s Illustriertes Konversations-Lexikon“, die Reihe „Buch der Erfindungen, Gewerbe, und Industrien“ oder „Spamer’s Illustrierte Weltgeschichte“.

Anfang der 1870er Jahre erlebte das Unternehmen seine Blütezeit und der Verleger ließ in der damaligen Gellert-, heute Littstraße, „Spamer’s Hof“ errichten. In diesem bis in die Gegenwart erhaltenen Gebäudekomplex konzentrierte er die Zweige seiner Firma. Wenige Jahre nach Otto Spamers Tod übernahm Joseph Petersmann das Unternehmen 1891. Er setzte auf Expansion im Bereich der Druckerei und nahm die verlegerischen Aktivitäten immer stärker zurück.

Das Verlagsgebäude „Spamer’s Hof“ heute ©Patricia F. Blume
Das Verlagsgebäude „Spamer’s Hof“ heute ©Patricia F. Blume

Das Buch zum Verlag

Anlässlich des 200. Jubiläums des Verlegers erschien im November 2020 „Die Bücherfabrik. Geschichte des Leipziger Otto Spamer Verlages“. Diese erste zusammenhängende Darstellung der Unternehmensgeschichte vollzieht biografische Stationen des Verlegers nach, analysiert unternehmerische Strategien, stellt Sachbuchreihen und weitere Programmsegmente sowie Erfolgsautorinnen und -autoren vor. Sie rückt aber auch diejenigen ins Licht, ohne die eine Bücherfabrik wie die Spamers nicht funktioniert hätte: die kleinen Angestellten des Buchgewerbes.

Bücherfabrik Cover ©Sax-Verlag
Bücherfabrik Cover ©Sax-Verlag

Mit Beiträgen von Patricia F. Blume, Wiebke Helm, Peter Gutjahr-Löser, Thomas Keiderling, Anita Mayer-Hirzberger, Klaus-Ulrich Pech, Stella Šarić, Sebastian Schmideler und Anne Tänzer.

Die Ausstellung zum Verlag

Vom 7. Februar bis 4. September 2020 sowie in der Verlängerung bis 15. Januar 2021 zeigte das Schulmuseum – Werkstatt für Schulgeschichte Leipzig die Ausstellung „Otto Spamers Bücherfabrik. Sachbuchwelten für die Jugend“.

Plakat zur Ausstellung ©Tim Grützner
Plakat zur Ausstellung ©Tim Grützner

Im Zentrum stand Spamers Bedeutung als Wegbereiter des modernen Sachbuchs für Kinder und Jugendliche. Seine Bücher bereiteten gefragte Themen zielgruppengerecht auf, enthielten leicht verständliche Texte und viele Abbildungen. Damit erzielte der Verleger Erfolge quer durch alle Bevölkerungsschichten. Spamer verknüpfte sein Engagement für die Bil­dung mit technischer Innovati­on: Wissen mit hohem Anschauungsgrad auf ausgezeichnetem grafischen Niveau in massenhafter Verbreitung – und entwickelt in Leipzig.

Die Ausstellung stellte den Verleger und die Verlagsgeschichte vor, beleuchtete einzelne Reihen, wichtige Autor*innen und Themengebiete, zeigte Bestseller und Fundstücke aus Archiven. Darüber hinaus erhielt das Publikum einen Einblick in die industrielle Herstellung von Büchern im späten 19. Jahrhundert. Die Brücke in die Gegenwart bildeten zeitgenössische Medien zu Sachthemen für Kinder und Jugendliche. Daneben lud eine Vielzahl von interaktiven Ausstellungselementen Besucher*innen zum aktiven Erleben ein. Kinder begleitete der Laufbursche August durch die Ausstellung. Die etwa 13-jährige Figur beruhte auf einem Botenjungen, der seinerzeit tatsächlich für Spamer arbeitete.

Otto Spamers Bücherfabrik - Sachbuchwelten für die Jugend

Die Ausstellung entstand in der Abteilung Buchwissenschaft in einem Seminar im Wintersemester 2019/20 in Kooperation mit der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und in Zusammenarbeit mit dem Schulmuseum – Werkstatt für Schulgeschichte Leipzig. Sie wurde im Rahmen des Jahres der Industriekultur 2020 gefördert vom Dezernat Kultur der Stadt Leipzig, vom Freundeskreis des Schulmuseums sowie vom Student_innenRat der Universität Leipzig.

Das Team aus dem BA-Kurs, das die Ausstellung vorbereitet hat ©Patricia F. Blume
Das Team aus dem BA-Kurs, das die Ausstellung vorbereitet hat ©Patricia F. Blume